19. Oktober 2026
Neapel blickt auf seine Operngeschichte: Das Teatro San Carlo eröffnet mit Verdis „Luisa Miller“
Das Teatro di San Carlo richtet seine Saison 2026/27 auf die Geschichte des 1737 eröffneten Opernhauses und den Weg zum 300-jährigen Bestehen aus. Zum Auftakt am 2. Dezember steht Giuseppe Verdis Luisa Miller auf dem Programm – ein Werk, das der Komponist 1849 eigens für Neapel schrieb. Die Neuproduktion inszeniert Davide Livermore, Daniel Oren dirigiert, Piotr Beczała gibt als Rodolfo sein Debüt am San Carlo.

Mainz/Neapel - Mit Giuseppe Verdis Luisa Miller eröffnet das Teatro di San Carlo am 2. Dezember 2026 seine Opernsaison 2026/27. Die 1849 eigens für das neapolitanische Haus komponierte Tragödie kehrt damit an ihren Entstehungsort zurück. Davide Livermore führt Regie, Daniel Oren dirigiert. In der Premierenbesetzung singt Mariangela Sicilia die Titelrolle; Piotr Beczała gibt als Rodolfo sein Debüt am San Carlo. Der Saisonauftakt steht zugleich im Zeichen der Geschichte des Hauses, das sich auf sein 300-jähriges Bestehen im Jahr 2037 vorbereitet.
Das am 4. November 1737 eröffnete Teatro di San Carlo zählt zu den ältesten Opernhäusern Europas. Seine Geschichte ist eng mit der Entwicklung der italienischen Oper und der neapolitanischen Musiktradition verbunden. Die Spielzeit umfasst elf Operntitel, sechs Ballettproduktionen, 14 Sinfoniekonzerte und 17 Kammermusikkonzerte. Fünf Opernproduktionen entstehen neu.
In Luisa Miller zerbricht eine Liebesbeziehung an gesellschaftlichen Hierarchien und familiären Machtansprüchen. Luisa, die Tochter des Soldaten Miller, liebt Rodolfo, den Sohn des Grafen Walter. Dessen politische und gesellschaftliche Ambitionen stehen der Verbindung im Weg. Intrigen und erzwungene Entscheidungen führen die Figuren in die Katastrophe. Verdi konzentriert das Drama auf den Konflikt zwischen persönlicher Freiheit und einer Ordnung, in der Stand und väterliche Autorität über das individuelle Glück bestimmen. Die Vorlage, Friedrich Schillers Drama Kabale und Liebe, verleiht der Oper ihre gesellschaftliche Schärfe.
Die Titelpartie übernimmt Mariangela Sicilia, Rodolfo singt Piotr Beczała. Igor Golovatenko ist als Miller, Michele Pertusi als Graf Walter, Marko Mimica als Wurm und Martina Belli als Federica zu erleben. Bei weiteren Vorstellungen wechseln Marta Torbidoni mit Sicilia, Stefan Pop mit Beczała sowie Franco Vassallo und Gabriele Sagona mit Golovatenko beziehungsweise Pertusi. Beczałas erster Auftritt am San Carlo setzt neben der Rückkehr von Verdis Oper einen besonderen Akzent.
Auch das weitere Programm verbindet internationales Repertoire mit musikalischen Wiederentdeckungen. Im Februar folgt eine neue Aida-Produktion in der Regie von Serena Sinigaglia unter der musikalischen Leitung von Renato Palumbo. Sie ist für eine Japan-Tournee im Sommer 2027 vorgesehen. Im Frühjahr richtet sich der Blick auf die neapolitanische Operngeschichte: Giovanni Paisiellos Nina, o sia La pazza per amore und Gaetano Donizettis selten gespieltes Werk Otto mesi in due ore, o sia Gli esiliati in Siberia stehen in neuen Inszenierungen auf dem Spielplan.
Ein weiteres Projekt führt von der Wiederentdeckung zur schöpferischen Weiterarbeit am musikalischen Erbe. Alessandro Solbiati wurde beauftragt, Claude Debussys unvollendete Oper La chute de la maison Usher zu vervollständigen. Debussy hinterließ das auf Edgar Allan Poes Erzählung zurückgehende Werk lediglich in Skizzen. Solbiatis Arbeit soll daraus eine aufführbare Fassung entwickeln und eröffnet damit eine andere Perspektive auf die Bewahrung historischer Musik: Überlieferung wird nicht nur rekonstruiert, sondern künstlerisch weitergeführt.
Der Saisonauftakt mit Luisa Miller markiert somit mehr als die Rückkehr eines mit Neapel verbundenen Werks. Die Wiederentdeckungen der lokalen Operntradition und die Beschäftigung mit Debussys Fragment stellen unterschiedliche Formen des Umgangs mit Geschichte nebeneinander. Das San Carlo verbindet seinen Blick auf die eigenen Wurzeln mit der Frage, wie musikalisches Erbe auf der Bühne lebendig bleibt.

