18. Oktober 2026
Verdis „Otello“ eröffnet die neue Ära an der Mailänder Scala
Mit Giuseppe Verdis Otello beginnt am 7. Dezember 2026 die erste Saison von Myung-Whun Chung als Musikdirektor des Teatro alla Scala. Die Neuproduktion inszeniert Damiano Michieletto; Brian Jagde übernimmt die Titelrolle, Luca Salsi singt Jago und Eleonora Buratto die Desdemona. Zum Auftakt der traditionsreichen Saisoneröffnung rückt damit ein Drama ins Zentrum, in dem verletzter Stolz, gezielte Manipulation und zerstörerisches Misstrauen eine Ehe und einen Menschen zugrunde richten.

Mainz/Mailand - Wenn die Mailänder Scala am 7. Dezember 2026 ihre Saison eröffnet, steht Giuseppe Verdis Otello im Mittelpunkt. Zugleich beginnt die erste Spielzeit von Myung-Whun Chung als Musikdirektor des Hauses. Die Neuproduktion verbindet den institutionellen Neubeginn mit einem Werk, in dem sich private Leidenschaft, Vorurteile und Macht zu einer Tragödie verdichten. Damiano Michieletto führt Regie, Brian Jagde singt die Titelrolle, Luca Salsi den Jago und Eleonora Buratto die Desdemona.
Verdi komponierte Otello nach William Shakespeares Tragödie auf ein Libretto von Arrigo Boito. Die Uraufführung fand 1887 an der Scala statt und markierte nach längerer Bühnenpause eine künstlerische Rückkehr des Komponisten mit einer erneuerten musikalischen Sprache. Statt die Handlung durch abgeschlossene Nummern zu unterbrechen, entwickelt Verdi den Konflikt aus einem weitgehend durchgehenden musikalischen Geschehen. Orchesterfarben, kurze vokale Gesten und dramatische Steigerungen machen hörbar, wie Otellos Vertrauen in Desdemona in Eifersucht und Gewalt umschlägt.
Im Zentrum steht auch Jagos gezielte Manipulation. Mit Andeutungen und Halbwahrheiten bringt er Otello dazu, an der Treue seiner Frau zu zweifeln. Der Feldherr verfügt über militärische Autorität, verliert aber zunehmend die Fähigkeit, zwischen Verdacht und Wahrheit zu unterscheiden. Desdemona gerät in einen Konflikt, dessen Regeln sie nicht kontrollieren kann. Michielettos Inszenierung richtet den Blick damit nicht allein auf eine Eifersuchtstragödie, sondern auch auf die zerstörerische Wirkung von Vorurteilen und gezielt gelenktem Misstrauen.
Für Chung ist die Saisoneröffnung ein programmatisches Signal. Verdis Partitur verlangt eine musikalische Leitung, die die dramatische Energie des Orchesters und des Chores bündelt, ohne die lyrischen Passagen zu überdecken. Gerade Desdemonas intime Szenen bilden einen Gegenpol zu Otellos wachsender innerer Zerrüttung. Die Musik begleitet das Geschehen nicht nur, sondern treibt es voran und legt die psychologischen Verschiebungen der Figuren offen.
Michieletto, der an der Scala bereits mehrere Produktionen realisiert hat, übernimmt erstmals die Regie einer Saisoneröffnung. Das Bühnenbild entwirft Paolo Fantin, die Kostüme gestaltet Carla Teti. Neben Jagde, Salsi und Buratto gehören Juan Francisco Gatell als Cassio, Cristiano Olivieri als Roderigo und Szilvia Vörös als Emilia zur Premierenbesetzung.
Die Produktion bleibt bis zum 5. Januar 2027 auf dem Spielplan. In den Aufführungen ab dem 29. Dezember übernehmen Arsen Soghomonyan die Titelrolle, Roberto Frontali den Jago und Roberta Mantegna die Desdemona.
Mit Otello beginnt an der Scala eine neue musikalische Amtszeit. Verdis Tragödie zeigt, wie rasch sich Macht in Ohnmacht verwandeln kann, wenn ein Mensch dem Misstrauen mehr glaubt als der Stimme des anderen. Die Verbindung aus psychologischer Präzision, vokaler Dramatik und orchestraler Spannung macht das Werk zu einem markanten Auftakt für Chungs erste Saison.

